Teestunde bei Meister Atong Chen

Wir trafen uns mit Menglin an der Nangang Station und schlenderten durch den Food Court, wo sie wunderbare Kindheits- und Jugenderinnerungen mit uns teilte. Anschließend machten wir uns auf zu Meister Atong Chens Teeladen.


 
Menglin nennt ihn immer respektvoll Lao Shi (老師 = „alter Meister“) und freute sich auch sehr, ihren Lehrer wiederzusehen.
Er und seine Frau empfingen uns unheimlich herzlich und vermittelten uns das Gefühl einer tiefen Freundschaft, obwohl wir uns erst im Frühjahr letzen Jahres das erste Mal persönlich kennengelernt hatten. Meister Chen begann uns Oolong aufzugießen.


 
Ein schlichtes Teeschiff aus Keramik, ein weißer Gaiwan mit fehlender Ecke im Deckel, ein Metallsieb mit Patina sowie einen kleinen weißen Gießer glitten durch Atongs Hände und er goss nach und nach verschiedenste Oolongs auf. Hinter ihm hing eine schöne Kaligraphie mit den Worten „Yi Xiang Cun“ (gesprochen „Ji Schiang Tsünn“), den Namen des Geschäfts, das übersetzt bedeutet: „Der Ort, an dem Kreativität und Fantasie fliegen kann“.


 
Wir sprachen angeregt, natürlich vor allem über und rund um den Tee.


 
In diesem Zusammenhang erzählte Atong Chen von seiner Arbeit als Teehändler und –produzent und, dass er die Bewegung von Teehändlern, die viel Marketing betreiben, sich aber nicht auf die Qualität der Tees konzentrierten mit Sorge beobachte. Es werden tolle Fotos, Videos und Hochglanzbroschüren erstellt, die die Arbeit von guten Teebauern und –produzenten zeigten – anschließend kauften sie jedoch nur ein paar hundert Gramm dieser Tees und vertreiben oftmals Billigware in diesem edlen Kostüm.
Anschließend holte er aus seiner Schatzkammer einen 20 Jahre alten, von Insekten befallenen (Gui Fei) Oolong der besonderen Strauchvariante Tie Guan Yin und wir führten unser Gespräch fort. Der Aufguss zeigte eine leichte Bitterkeit, die sich nach kurzer Zeit im Mund zu einer zarten Süße wandelte. Plötzlich stand Atong auf und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: „Ich muss jetzt kochen!“


 
Atong Chen liebt die einfache Küche und servierte uns selbst angebauten Tapioka, Bambus in einem leckeren Sud, Tofu in einer Fleischbrühe, grünes würziges Blattgemüse und dazu natürlich Reis.


 
Sein Geheimnis beim Kochen sei Sake und gute Sojasoße, sagte er und überreichte uns eine Flasche Sojasoße höchster Qualität, die nur in sehr geringen Stückzahlen produziert wird (1 Jahr Wartezeit). Zum Nachtisch gab es eine köstliche Ananas, unbeschreiblich süß und mit wundervollen Fruchtnoten.
Wir nahmen wieder am Teetisch platz und Atong Chen verschwand einige Minuten in seiner „Schatzkammer“. Er kam zurück mit einem besonderen „Zeitdokument“ seiner Familienhistorie: Dem ersten Tee aus seinem eigenen Familiengarten, einem handgerollten Oolong der Strauchvariante Qingxin von 1976.
Eine unverkäufliche Kostbarkeit, die in einer Metallkiste vergessen war und vor 10 Jahren entdeckt und fertig produziert wurde. Der Tee schmeckte spannend und gereift und vermittelte uns ein besonderes Gefühl von Wertschätzung, dass Meister Chen ihn mit uns teilte.
Während wir weitertranken gesellten sich noch 2 Teeschülerinnen von ihm zu uns. Er zeigte uns ein altes Foto von ihm in seinem Teegarten, das hinter seinem Teetisch an der Wand lehnte.


 
Dann durften auch wir seine „Schatzkammer“ betreten und er führte uns an wild gestapelten Säcken mit Tee vorbei hin zu seinen Röstmaschinen.


 
Auf ihnen lagen Bambuskörbe in denen der Tee geröstet wird und er zeigte uns auf deren Unterseite feines watteartig beim Rösten auskristallisiertes Koffein.


 
Hierbei meinte er, dass die Koffeinkonzentration im produzierten Tee geringer sei, wenn das Blattgut stärker geröstet wurde.
Zurück beim Teeschiff ließ Meister Atong Chen etwas Gui Fei Dong Ding der Strauchvariante Qingxin („Tschingschin“) aus dem Jahre 2005 in den Gaiwan gleiten.


 
Dieser Tee war einfach grandios, zeigte Duftnoten von Guave und einen lang anhaltenden Geschmack mit tollen mineralischen, süß-fruchtigen und blumigen Noten.


 
Eventuell besteht die Möglichkeit, diese außergewöhnliche Rarität bei uns im Laden anbieten zu können, wenn Meister Chen sich von ein paar Gramm trennen möchte.
Wir tranken weiter und unterhielten uns über die Art und Weise der Teeezubereitung, da wir auf unserer Teereise unterschiedlichen Praktiken begegnet sind. Sowohl bei Meister Yu, als auch bei Meister Chen beeindruckte uns die Schlichtheit, mit welcher der Tee zubereitet wurde – sowohl in Bezug auf das verwendete Teegeschirr, als auch die Einfachheit der Bewegungen. Meister Chen sagte, dass er nur Tee mache, und den Tee zu sich sprechen lasse. Moderne Teeschulen lehren in der „kunstvollen“ Teezubereitung Choreographien, die den Fokus vom Wesentlichen ablenken. „Wir trinken doch Tee und machen kein Theater“, sagte er mit einem verschmitzten Grinsen.


 
Am Abend lud uns Atong und seine Frau zu exzellentem Dim Sum Essen ein und der Tag endete mit den schönsten Gaumenfreuden und heiteren Gesprächen zu Tisch.


 

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